Mit über 25 Jahren Berufserfahrung in die Leiharbeit

Interview mit Maike H., Fachkrankenschwester in Leiharbeit

Interview zur Leiharbeit im medizinischen Bereich mit Maike

Maike H., 47 Jahre


Vor knapp 30 Jahren ist Maike mit Ihrer Ausbildung zur Krankenschwester in Ihrem Wunschberuf gestartet. Heute kann sie auf jahrelange
Berufserfahrungen in verschiedenen Einrichtungen und Arbeitsbereichen zurückblicken und stolz auf ihre Fachweiterbildung sein. Die Erfahrungen von anderen KollegInnen hat Maike überzeugt, zu ihrer jetzigen Leiharbeitsfirma zu wechseln. Mit welcher Motivation Maike dieses Jahr in der Leiharbeit gestartet ist, hat sie uns in unserem Interview erzählt.

 

Hallo Maike, schön, dass Sie Ihre Erfahrungen mit uns und allen unseren Lesern teilen. Direkt am Anfang: Dürfen wir erfahren, wie Ihre Berufslaufbahn vor der Leiharbeit verlief?

Sehr gerne! 1990 begann ich meine Ausbildung zur Krankenschwester in Düsseldorf. Dieser Beruf war von klein auf mein Wunschberuf und ich arbeitete nach dieser Zeit in Damp und in Flensburg auf Stationen mit den Fachabteilungen der Orthopädie, Neurochirurgie und der Gefäßchirurgie.
Nach der Geburt meiner Tochter ging ich für anderthalb Jahre in die ambulante Pflege. Wir sind nach Oldenburg umgezogen und dort wechselte ich wieder zurück in ein Krankenhaus und begann mit Wechselschichten in der Notaufnahme. Um den Bedürfnissen meiner Tochter und den zeitlichen Vorgaben der Krippe nachzukommen, habe ich danach auf der Augenstation gearbeitet und anschließend in den OP gewechselt. Das war 2003. Als die Arbeitsbedingungen mit einem schulpflichtigen, jüngeren Kind immer schwieriger wurden, änderte ich erneut meine Arbeitsstelle und ging in den OP des benachbarten Krankenhauses.

Ich erfuhr, wie unglaublich wichtig und wirkungsvoll gewerkschaftliches Engagement ist und wurde Mitglied bei verdi. Ziemlich schnell wurde ich dort auf verschiedenen Ebenen und in Gremien aktiv.

Parallel dazu schloss ich 2013 meine Fachweiterbildung zur Fachschwester für den OP/Endoskopie ab.


Das ist wirklich ein beeindruckender Berufsweg. Wie sind Sie dann auf die medizinische Leiharbeit gekommen?

Auf die Idee in die Leiharbeit zu wechseln, brachten mich andere Kolleginnen aus meinem Team, die vor mir zu der Leiharbeitsfirma gingen, von der überwiegend die externen Mitarbeiter kamen, um uns in den Zeiten des Pflegenotstandes zu unterstützen.


Sie waren also nicht die einzige aus Ihrem Team, die zu einer Leiharbeitsfirma gewechselt ist. Was war für Sie der Grund für den Wechsel in die Leiharbeit?

Zu dem Zeitpunkt war ich mehr als frustriert, da die wirtschaftlichen Vorgaben die Kollegen und Kolleginnen im gesamten Haus, sowie auch uns im OP, dazu zwangen, gegen hygienische und andere Standards zu verstoßen, um die wirtschaftlichen Ziele zu erreichen. In 2017 begann ich mit einem Studium mit dem Schwerpunkt des betrieblichen Gesundheitsmanagement, weil ich mir nicht vorstellen wollte, unter diesen Arbeitsbedingungen noch 20 Jahre bis zum regulären Renteneintrittsalter arbeiten zu müssen. Ich rede hier von überplanten OPs, elektive Eingriffe im Bereitschaftsdienst, laufende Säle trotz Personalmangel.

Zwischenzeitlich war ich in die Mitarbeitervertretung unseres Hauses gewählt worden und bekam dort haarsträubende Gefährdungsanzeigen von Kollegen und Kolleginnen zu lesen, die manchmal das Gesundheitsamt und den Zoll zum Handeln gezwungen hätten.

Dann kamen noch diese abstruse Pflegekammer und der Gesundheitsminister mit seinen gefährlichen Spar-Ideen an den Start und ich wollte nicht mehr Täterin in diesem kaputten System sein.

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So wie ich das raus höre, war die Unzufriedenheit mit der aktuellen Situation im Gesundheitssystem einer der Hauptgründe für den Wechsel in die Leiharbeit. Wie sind Sie zu Ihrer jetzigen Leiharbeitsfirma im Pflegebereich gekommen?

Meinen jetzigen Arbeitgeber habe ich mir aufgrund der Erfahrungen unserer „Gast“ KollegInnen ausgesucht, die sehr zufrieden mit ihm sind. Zudem wechselten vor mir drei KollegInnen aus meinem Team zu Avanti und berichteten mir nur Positives.


Hatten Sie bestimmte Erwartungen als Sie in die Leiharbeit gewechselt sind?

Ich hatte keine großen Erwartungen an die Leiharbeit. Ich wollte nur aus dem alten, krankmachenden System raus. Zudem wäre ich durch die bessere Bezahlung in der Leiharbeit in der Lage, das Studium meiner Tochter - im Ausland fallen höhere Kosten an - und mein Eigenes an einer privaten Fachhochschule zu finanzieren.


Welche Erfahrungen haben Sie bisher als Leiharbeiterin gemacht?

Ich arbeite erst seit dem 2. September diesen Jahres in der Leiharbeit und bin sehr viel entspannter als bei meinem letzten Arbeitgeber, bei dem ich über zwölf Jahre beschäftigt war.

Es entlastet mich ungemein „nur noch“ als wertvolle Kraft im OP gesehen zu werden, die zwar voll mitarbeitet, aber nicht wirklich Mitglied des Teams und somit außen vor ist, bei innerbetrieblichen „Querelen“ und Personalnotstand. Ich kann mich besser auf meine Arbeit konzentrieren.

Und insbesondere, wenn ich die nächtliche Arbeitsbelastung der Bereitschaftsdienste sehe, bin ich wirklich froh, diesen Schritt gegangen zu sein.

Ich bin diesen Monat in einem Gefäß- und Thoraxchirurgischen OP eingesetzt und es befriedigt mich ungemein, dass ich mein erlerntes Wissen von vor über zwölf Jahren noch relativ einfach wieder abrufen kann und dort eine wertvolle und auch geschätzte Mitarbeiterin bin - sowohl bei den pflegerischen als auch bei den ärztlichen Kollegen. Und das tut unendlich gut!

Wenn ich den OP spätestens um 15.50 Uhr verlasse - mit einer Überstunde im Gepäck - und nach einer halben Stunde Fahrzeit zuhause ankomme, habe ich noch Energie, Dinge in meiner Freizeit zu unternehmen. Etwas, das mir in meinen Arbeitsturns fremd wahr.

Ich bin wieder viel entspannter, was auch meinen Mann ungemein freut. Wir können unsere Wochenenden unabhängig von irgendwelchen Bereitschaftsdiensten planen, genauso, wie unseren Urlaub, den ich sehr spontan legen kann. Das sind sehr wertvolle Vorteile in der ZA.

Am wertvollsten für mich aber ist der Umstand, dass mich das Gesundheitssystem nicht mehr ausbeutet, sondern ich von den eigentlich nur angemessenen Zahlungen profitiere.


Das freut uns, dass Sie die Leiharbeit als positives Arbeitsmodell erfahren haben! Würden Sie anderen Kolleginnen und Kollegen den Wechsel in die Leiharbeit ebenfalls empfehlen?

Ich würde definitiv jedem die Leiharbeit empfehlen, der, beziehungsweise die, nicht teamabhängig ist. Ich kenne genug KollegInnen, die sich vor dem Wechsel in die Leiharbeit und dem Umstand, sich immer wieder auf neue Teams einstellen zu müssen, fürchten.

Ebenfalls ist es ist eine Möglichkeit eine angemessene Bezahlung samt Arbeitsbedingungen zu erlangen.


Auch im medizinischen Bereich herrscht ein immer weiter zunehmender Fachkräftemangel. Wie schätzen Sie den aktuellen/zukünftigen Arbeitsmarkt ein?

Die Prognosen sehen einen fortwährenden Fachkräftemangel insbesondre bei den Pflegekräften auf den Stationen und in der ambulanten Pflege voraus.

In den Funktionsbereichen sorgen die Einrichtungen mit der Ausbildung der sogenannten „technischen Hilfskräfte“, von denen allerdings auch Etliche die Wartesemester mit dieser Ausbildung überbrücken, vor.

Ich habe daher keine Idee, wie lange ich noch in der Leiharbeit benötigt werde. Zurzeit und auch die nächsten zwei bis drei Jahre mache ich mir keine Sorgen, so lange ich bereit bin, ab einem gewissen Zeitpunkt auch überregional zu arbeiten.


Und zum Schluss: Mit welchem Vorurteil gegen Leiharbeiter im medizinischen Bereich möchten Sie gerne aufräumen?

Manche Kollegen unterliegen dem Irrtum, dass die Kosten der Leiharbeiter dem Topf der Personalkosten entnommen werden und damit festen Einstellungen entgegenstehen. Dem ist nicht so. Unsere Kosten sind Sachkosten, die beim Finanzamt eingereicht werden können und zum Teil erstattet werden.

Wir machen also das möglich, was landauf-landab die Kollegen fordern: Wir haben eine gesellschaftliche Aufgabe, also soll auch die Gesellschaft für uns zahlen 🙂

 

Ganz lieben Dank Maike, für deine sehr nahen Einblicke in dein Berufsleben! Wir von provenservice wünschen dir weiterhin einen guten Start in der Leiharbeit und auch alles Gute für dein Studium!

 

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provenservice, 28.09.2019

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